Und wieder eine neue »Super-Erde« …

Bemerkenswert, was für Fortschritte die Astronomie macht. 
Es vergeht fast kein Monat, in dem nicht die Entdeckung neuer Exo-Planeten verkündet wird.
 Leider ist die Berichterstattung in den sog. Publikumszeitschriften nicht so nüchtern und an Fakten interessiert, wie die eigentlichen Publikationen in Fachzeitschriften.

Exo-Planeten satt

Sobald ein Planet durch die »habitable« Zone eiert, überschlägt sich das Volontariat und feiert die Entdeckung einer »Erde 2« oder schlimmstenfalls eines Planeten, auf dem »die Aliens auf uns warten«.
 Absurd wird es, wenn die neu entdeckten Planeten als »Back Up« unseres blauen Planeten gefeiert werden, frei nach dem Motto:
Lasst uns die Erde weiter ruinieren – wenn nichts mehr geht, suchen wir uns eine neue.

Welche mentale Einschränkung ist verantwortlich für Headlines mit der Frage (s.u.) »Eine Wohnalternative also für die Menschheit in der Zukunft?«

Für die Redakteure (und Leser), die unter dieser oder ähnlichen Limitierung leiden:

1) Falls ein Planet, wie der in u.g. Artikel erwähnte, die 8-fache Masse der Erde hat, würde ein menschliches Wesen mit einem terrestrischen Gewicht von 80 kg dort ungefähr 640 kg wiegen, zuzüglich des Gewichts seines evtl. Raumanzugs. Mehr als eine halbe Tonne – das dürfte den stärksten Space Marine zu Boden zwingen, innerhalb weniger Sekunden die Lunge sowie andere Organe zerquetschen und eine kaum noch zu identifizierende Restmenge ergeben.
Das soll eine Wohnalternative sein?

2) Der im u.g. Artikel erwähnte Exo-Planet umkreist einen aktiven, roten Zwergstern. Lassen wir das wissenschaftliche Gedöns: Das bedeutet, dass die Planeten in diesem System regelmäßig erheblichen Strahlungsausbrüchen ausgesetzt sind – dagegen wäre ein Bad im Abklingbecken von Fukushima harmloser als eine Kneippsche Wasseranwendung in der Wellness-Oase. Die von von der unter 1) erwähnten Schwerkraft zerquetschten Siedler dürften also noch eine Zeitlang nachts leuchten.

3) Die in u.g. Artikel erwähnte »Super-Erde« ist 110 Lichtjahre entfernt. Schon klar, das ist ziemlich weit weg. Um genau zu sein, und ich schenke mir Angaben in Zehnerpotenzen, die sowieso keiner versteht – ja, ich vermeide sogar Vergleiche mit Fußballfeldern oder Angaben wie »das Soundsovielfache der Strecke von Hamburg nach Tahiti«. Es sind: 1.045.000.000.000.000 km. Das könnte man so aussprechen: Eintausendfünfundvierzig Billionen. Einskommanullvierfünf Billiarden ginge auch, aber das klingt nicht wirklich sexy.

Ein Raumschiff, das 10% der Lichtgeschwindigkeit erreichen könnte (gibt es nicht, ist nicht in Sicht, kostet auf jeden Fall mehr als der amerikanische Kontinent), würde für diese Strecke ungefähr 1.100 Jahre brauchen – aber nur, wenn es enorm schnell diese 10% der Lichtgeschwindigkeit erreicht. Diese Beschleunigung würde die Besatzung in einen breiartigen Zustand versetzen. Und es dürfte nicht abbremsen – das vergessen die meisten Autoren dieser sinnfreien »Erde 2«-Artikel: Niemand springt aus einem fahrenden Zug, wenn er den Zielbahnhof erreicht hat – warum sollten das Astronauten tun? Genau auf der Hälfte der Strecke müsste der Bremsvorgang eingeleitet werden, damit man nicht mit 10% c am Ziel vorbeirauscht. Und langsamer werden bedeutet: Länger brauchen.

Wenn also nach tausenden von Jahren ein verstrahlter Metallkörper in das System der »Super-Erde« eindringt, im Inneren Reste organischen Materials und jede Menge Plastikmüll, hoffen wir, dass gleichzeitig auf der Erde einige Überlebende wieder da anfangen, wo wir vor ca. 10.000 Jahren schon mal waren: Jagen, sammeln, ein wenig Spaß haben und den Rest in Ruhe lassen.

Kompletter Artikel auf SPIEGEL online

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